Zum #WVPCH16

Keine 24 Stunden waren die Nominierten des ersten Webvideopreises Schweiz, kurz WVP oder auch #WVPCH, bekannt und schon brodelte es in der Youtube-Szene gewaltig. Die Jury klingt gespalten, genauso wie viele Zuschauer. „So viel zu Ungerechtigkeit“, tweetet beispielsweise ein Jury-Mitglied/Youtuberin. Vieles scheint nicht so abgelaufen zu sein, wie man (ich eingeschlossen) es sich erhofft hatte.

Um eines vorweg zu nehmen. Ja ich finde den Gedanken cool, die Webvideo-Szene mit einem Preis zu fördern. Nein, ich wurde nicht nominiert. Nein, ich habe kein Problem damit. Ich habe mit ganz anderen Sachen so meine Probleme. Aber dazu gleich.

Hier einige Fakten:

  • 1x nominiert: Hauptsponsor
  • 2x nominiert: Veranstalter
  • 1x nominiert: Jury-Mitglied
  • 1 geklautes Video
  • 1 Kanal, der seine Videos vom Sponsor schneiden lässt

Gehen wir das nochmal Schritt für Schritt durch:

Alleine 4 der insgesamt 24 nominierten Videos wurden also von Veranstalter und Hauptsponsoren, respektive einem Jurymitglied selbst produziert. Viele sind sprachlos, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Darf der Veranstalter sich denn selbst nominieren? Dazu einige Gedanken: Ich selbst schaue die Webvideoserie Rocco von Swisscom und finde sie cool. Bei der Kategorie 360° kann ich mir ausserdem einfach nicht vorstellen, dass es bereits viele gute VR Videos auf dem Schweizer Markt gibt. Dazu ist diese Art zu Filmen noch zu jung und ungeprobt – und wir alle wissen, dass die Schweiz diesbezüglich hinterherhinkt. Die Videos vom Blick sind gut, ohne Frage, und hätten eine Nominierung sicherlich verdient. Aber als Veranstalter? Das ist doch schlechter Stil. Ein Veranstalter oder Sponsor sollte nie an einem Wettbewerb teilnehmen. Der fade Beigeschmack ist programmiert und wertet den Preis ab. Deshalb hier die Frage, die vielen auf der Zunge brennt: Darf sich ein Veranstalter/Hauptsponsor selbst nominieren lassen, oder hätten sie sich selbst aus dem Rennen nehmen und die Nominierung zurückziehen müssen?

Ein weiterer Dorn im Auge einiger sind die Nominierten der Kategorie Person of the Year. In der Kategoriebeschreibung steht folgendes:

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Aber schauen wir uns den Beschrieb der Kategorie nochmal an: „die Branche geprägt“ – von welcher Branche ist denn hier die Rede? Die Sportbranche? Die Nahrungsbranche? Ich vermute mal: die Webvideobranche.

Ein nominierter Kandidat für Person of the Year hat zwar eine Olympia-Goldmedaille gewonnen, aber hat er auch einen Webvideopreis verdient? Einerseits lässt er seine Videos vom Produktionsteam seines Sponsors schneiden. Ja, die Sprache ist von Nino Schurter und seien wir ehrlich: Ein dermassen erfolgreicher Spitzensportler wird wohl kaum die Zeit finden, die Videos selber zu scheiden. Das ist aber auch OK, da er ja als Person und nicht Best Video of the Year nominiert wurde. Aber inwiefern hat er die Webvideobranche geprägt? Die andern beiden Nominierten lösen auch bei mir zugegebenermassen ein Schmunzeln aus und sind über das letzte Jahr verdient gewachsen. Aber als jemand, der die Branche durch sein öffentliches Auftreten geprägt hat, wünschte ich mir beispielsweise jemanden, der mit seinem Video die Menschen zum Nachdenken gebracht, oder andersweitig Einsatz für die Branche gezeigt hat.

Auch wenn das Pokémon-Video unbestreitbar gelungen ist – meiner Meinung nach hat es ausser dem Übergeordneten Thema Pokémon nichts mit Gaming zu tun, sondern es gehört in die Kategorie Comedy oder, da es viral ging, in die Kategorie Best Video of the Year – und könnte das Video von Ella, das inhaltlich fast 1 zu 1 kopiert wurde, ersetzen. Ella selbst gab das zu und als das herauskam, haben sämtliche Jury-Mitglieder ihre Stimmen zurückgezogen – aber die Organisation wollte das nicht. Warum? Das wissen wohl nur die Organisatoren selbst.

Kein Kommentar dazu, dass sich die Jury nicht sexistisch oder rassistisch äussern darf, nominiert sind aber gerade zwei, die bekannt sind für ihre teils sexistischen und rassistischen Videos. GG bei einigen Kandidaten und viel Glück für nächstes Jahr!

An dieser Stelle möchte ich noch eins loswerden: Ich kann mir vorstellen, dass nicht viele gute Videos eingereicht wurden und die Jury ihr bestes gab, aus diesem Haufen irgendwelche Videos herauszufischen. Aber, und hier wirklich ein fettes Aber: Wie sollte das auch möglich gewesen sein? Dass der WVP in die Schweiz kommt, wurde kaum gross kommuniziert, der Webauftritt ist kaum vorhanden und in der Welschschweiz wurde er wahrscheinlich nirgends erwähnt. Die Kommunikation war schlecht. Ich kann das mit gutem Gewissen sagen; Ich vermarkte mich seit über 4 Jahren selbst und arbeite in einer Kommunikationsagentur. Ausserdem beschäftige ich mich beruflich intensiv mit der Schweizer Youtube-Szene und sehe ständig tolle Videos.

Da stellt sich mir die Frage: Liebe Verantwortliche des Webvideopreises, habt ihr euch überhaupt mit den Videos beschäftigt?

Und hier noch ein paar persönliche Anmerkungen meinerseits.

Mir lag der WVP ziemlich am Herzen. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass ein Creator oder Youtuber oder sonstiger Webvideomacher tatsächlich einen Preis verdient – vor allem so hm, ja, ohne Grund – aber ich fand es wichtig für die Szene.

Seit über einem Jahr setzte ich mich dafür ein, dass uns Gesellschaft und Firmen ernst nehmen. Ich helfe bei der Organisation von Events für Webvideomacher. Ich halte Referate, um Firmen, insbesondere KMUs zu zeigen, wie wichtig Webvideos marketingtechnisch sind. Ich spreche öffentlich und beruflich über Influencer Relations. Und was ist jetzt passiert? Ein Haufen dumm daherbrabbelnder, sich über andere Menschen lustig machende Hobby-Comedians sollen uns repräsentieren? Ja, okay, über Humor lässt sich streiten, aber über Qualität (nein, ich will nicht sagen, dass meine Video qualitativ sehr viel hochwertiger sind)?

Nun, da aber jeder, der Kritik austeilt, auch Verbesserungsvorschläge machen soll, hier, bitteschön, einige Anregungen:

  1. Einen Grund nennen: Warum gibt es den WVP überhaupt, was soll er bewirken, was ist das Ziel dahinter? Und nein, „das beste Webvideo küren“ ist kein Grund. „Talente fördern“, das wäre ein Grund – dann sollte aber nochmal überdacht werden, was dann der Sinn ist, nur ein einzelnes Video zu küren.
  2. Klare Richtlinien aufstellen und öffentlich kommunizieren: Es gab da irgendwas, von wegen, das Video müsse in der Schweiz gefilmt worden sein und so. Wie sieht es denn aus mit geklauten Inhalten? Oder Videos, die vom Sponsor geschnitten werden? Was muss jemand getan haben, um die Auszeichnung Person of the Year verdient zu haben? Die Kommunikation der Kriterien für die Kategorien und die Bekanntmachung der Preisverleihung in der ganzen Schweiz von Vorteil.
  3. Commerce/Nicht-Commerce trennen: Kategorien sind schön und gut, aber kann mir jemand verraten, warum man bezahlte und mit grossem Budget produzierte Werbevideos von Agenturen mit Videos von kleinen Hobby-Filmern in einen Topf schmeisst? Niemand soll mir sagen, dass Hobby-Filmemacher mit gerade mal 800 Abonnenten gegen ein Unternehmen mit 19’000 Angestellten ankommt? Millionenkonzern vs. low-cost Home-Production – ziemlich prekär. Und schliesslich profitieren wir alle davon, wenn von den Gewinnern gesprochen wird – und nicht über andere komische Geschichten.
  4. Ausserdem verstehe ich den Sinn dahinter nicht ganz, ein einziges Video zu küren, statt den ganzen Kanal. Was bringt das?

Ich muss zugeben, ich bin enttäuscht. Nicht, dass ich nicht nominiert wurde; okay vielleicht ein bisschen. So Person of the Year wäre ganz nett gewesen für meine Einsätze für die Szene. Er wäre eine tolle Chance gewesen, dass man uns ernst nimmt. Aber hey, verteilt ruhig eure Preise, ich geh da raus und bewirke wirklich was! Hoffen wir, dass meine Favoriten gewinnen (von meinen 10 Videos, die ich eingereicht habe, sind leider nur zwei nominiert worden)!

Versteht mich nicht falsch, ich möchte so einen Preis 😀 Aber bitte, lieber WVP, lasst die Nachbarsjungen nicht gegen einen Konzernriesen antreten. Wo bleibt da die Fairness?

Hoffen wir, dass es nächstes Jahr besser läuft. Mit einem Academy-Präsidenten wie Lionel glüht mein Hoffnungsflämmchen wenigstens noch ein bisschen. Und die restlichen Videos sind ja auch teilweise ganz okay.

Eure Anmerkungen gerne in die Kommentare. Wen hättet ihr nominiert? Was für einen Preis würdet ihr wem vergeben?

Eure Cielle

PS: Ganz ohne Preis lief die Geschichte für mich übrigens doch nicht ab. Ich bin stolze Abräumerin des Awards „Traurigste Heulsuse“. Danke SwisstubeGossip!

PPS: Hier noch ein toller Artikel mit mir / über mich. Man beachte die Aufteilung der beiden Beiträge auf der Startseite. Ich musste etwas schmunzeln.

srfvirus

7 Gedanken zu „Zum #WVPCH16

  1. „1 Kanal, der seine Videos vom Sponsor schneiden lässt“ –> das ist in DE doch auch so. Viele große Youtuber lassen ihre Videos schneiden; ich kenne persönlich Leute die für die größten cutten. Das widerspricht in meinen Augen nicht gegen den Wettbewerb, so wie die Regeln es zur Zeit vorgeben. Natürlich gäbe es schönere Kategorien; aber das ist halt nicht so dieses Jahr. Problematisch finde ich wirklich die Intrasparenz. Wer wieso und auf Grund welcher Kriterien in welcher Kategorie gewählt wurde – keinen Plan. In den meisten Fällen geht die Auswahl in Ordnung (auch wenn ich persönlich anders gewählt hätte) aber in deinen genannten Einzelfällen ist das meines Erachtens richtig schwach gelöst. In den Bedingungen vieler Wettbewerbe steht „Ausgenommen sind Mitarbeiter, Angehörige und Sponsoren“. Aber es ist, wie es ist. Nächstes Jahr wird es hoffentlich besser. Natriumdampflampe!

  2. du sprichst mir mit dem ganzen so aus der Seele!!! Ich bin ja selber nur eine kleine Youtuberin (wie du weisst) aber ich hätte mir mehr erhofft.
    Auch ich bin etwas verwirrt über die Nominierung einiger Kandidaten …

    Danke das du so offen schreibst ich könnte das nicht und werde es auch nicht dafür fehlen mir die Hintergrunginfos aber wirklich super.

    ich hab übrigens dein Kanal eingeschickt du hättest es sehr verdient so viel wie du machst!

    Mal schauen wie es nächstes Jahr so wird
    Liebe Grüsse
    Sara

  3. Endlich mal jemand, der sich dazu wirklich Gedanken gemacht hat, und nicht einfach auf den Nominierten rumhackt, danke dafür! Sorry schonmal für den langen Kommentar, aber ich will jetzt nicht extra einen Blog für die Antwort eröffnen 😀

    Aber uff, dass ist ne ganze Menge – wo fange ich da am besten an. Wohl bei den nominierten Sponsorenvideos. Unterste Schublade. Total unverständlich. Man verlost doch keinen Preis an den Geldgeber. Das darf einfach nicht passieren! .. oder doch? Zumindest im VR Bereich verstehe ich es ja – es gibt zu wenig Schweizer 360 Grad Videos, die man da überhaupt nominieren kann – aber: Wieso probiert man Videos zu küren, für die es, ausser den eigenen Videos, keinen Markt gibt? Das sieht ja fast schon so aus, als ob die Kategorie extra nur für die eigenen Videos existiert. Und sonst hätte man die Kategorie sicherlich auch weglassen können. Entweder man machts richtig oder eben gar nicht. Das sieht nach nem Zwischenweg aus, der nicht gegangen werden sollte. In den Regeln die Sponsoren rauszunehmen wäre das Mindeste.

    Zum Jury Video, das nominiert wurde: Ist an sich natürlich blöd, aber auch hier wieder total legitim. Der Einzige, der nicht nominiert werden durfte, war Lionel, da er der Academy Präsident ist – und das war bereits im Vorhinein klar und bekannt. Und solange man in der Academy nicht für sich selbst votet (und sich die Mitglieder nicht absprechen), sehe ich da auch nicht grosse Probleme, denn (!) ich bin dieses Jahr selbst nominiert und werde deshalb, nicht ganz freiwillig, nächstes Jahr ebenfalls in der Academy sein. Dürften dann meine Videos nicht mehr nominiert werden? Einmal nominiert und dann nie mehr? Ich glaube, da wird an der falschen Stelle kritisiert. Es sollten in der Jury keine sitzen, deren Videos nominiert werden könnten. Dann würde das Problem nicht bestehen. Aber durch die Regelung des Webvideopreises stösst man da ja unweigerlich auf Widerstand.

    Zum gestohlenen Video: auch hier wieder, unterste Schublade. Man darf sich von anderen inspirieren lassen, das steht ausser Frage, aber, dass dieses Video dann nominiert wird für „Best Video of the year“? Und ja natürlich, das Ganze kam erst im nachhinein raus (und ich hab mich da auch nicht informiert), aber war die „Bestohlene“, nicht selbst in der Academy und hätte das Ganze Schlamassel verhindern können, sobald ihr das eingereichte Video ins Auge stach? Und natürlich kann man, im Nachhinein, einen nominierten nicht mehr durchs Zurückziehen ausschliessen. Das würde ich mir zwar für die Wahl am 8. November in den USA wünschen, aber so was ist halt nicht möglich. Für irgendwas gibt es ja die nicht ganz wasserdichten Regeln.
    Und übrigens: Ella könnte die Nominierung nicht annehmen und dem Webvideopreis absagen. Wenn ihr ein wenig an ihrem allgemeinen Ruf liegt, wär das vielleicht eine Lösung für sie.

    Ich verstehe auch Deinen Punkt keine Low-Budget Hobbyfilmer mit Firmenproduktionen zu vergleichen, aber dann hätte in Deutschland Jan Böhmermann auch nicht nominiert werden dürfen – der schneidet seine Videos ja auch nicht selbst. Und klar geht es um Fairness, aber beim Webvideopreis geht es eben um Webvideos. Videos, die fürs Web produziert werden. Dabei ist egal von wem und das wird wohl immer so bleiben.

    Zum Pokémon Prank Video. Lionel hat im Livestream ja gesagt, dass sich da alle Jury Mitglieder einig waren, dass dieses Video nominiert wird. Und ich stimme ihm da auch zu, das Video hat es verdient, nur ist es wirklich in der falschen Kategorie. Wobei ich da auch gerne wieder auf den Webvideopreis in Deutschland verweise. Da war Nerdy Timber mit der Serie Blunderbuss in der Kategorie Gaming nominiert. Ich hab mir die Serie nie angeschaut, aber soweit ich weiss sind das Videos, in denen er zeigt, wie er in seinem Keller Gegenstände aus Games nachbaut. Ist das dann auch in der falschen Kategorie, weil er keine Games zeigt? Oder ist das dort dann was anderes? Bin mir da selbst nicht so ganz sicher.

    Die Vermarktung der Nominierungsphase war natürlich schon ein ziemlich Witz. Ohne Twitter hät ich davon nie im Leben etwas erfahren. Da ist verdammt viel Luft nach oben! Ich mein, ein offizieller Schweizer Twitter-Account gibt es erst, seitdem die Nominierten bekannt gegeben wurden? Und 2016 sind 800 eingereichte Videos halt doch nicht ganz so viel. Da die besten rauszuziehen ist natürlich ziemlich schwierig.

    Ich finde übrigens auch, dass der Kanal als Ganzes und nicht nur eines der Videos gekürt werden sollte. Im Fussball erhält ja auch nicht das Team den Pokal, dass in der Saison ein absolut überragendes Spiel zeigte, dafür in den restlichen Spielen als Verlierer vom Platz schlenderte.

    So, ich habe glaub noch nie so einen langen Kommentar unter einem Blogpost geschrieben. Ich hoffe das war mehr oder weniger verständlich^^

  4. Nino Schurter, nominiert für den Webvideopreis? Da musste ich auch die Stirn runzeln. Nicht ganz das, was ich erwartet habe. Bei Person of the year hätte ich auch erwartet, dass wirklich die Person/der Kanal vorgestellt wird. und nicht einfach random ein Video platziert wird.

    Ich hätte niemals erwartet, das Sponsoren/Jury/Organisatorien nominiert werden dürfen. Ich finde das unterste Schublade. Das sollte selbstverstädnlich sein, dass diese ausgeschlossen sind.

    Gut geschrieben

  5. Danke für den tollen Kommentar. Ich verstehe deine Aufregung und deine Emotionen. Leider ist das bei den meisten Awards und Events dieser Art ähnlich. Agenturen und Firmen als Veranstalter und Juries beweihräuchern sich selbst und gegenseitig während die Marketeer und PR-Leute genüsslich ihr Gala-Diner verschlingen und dem Zirkus zu applaudieren.
    Meine Empfehlung: Wenn du die Energie hast, nutze solche Events für deine Vermarktung – aber investiere nicht zu viele kostbare Nerven in das Drumherum.

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